Atemübungen

Über die Wissenschaft vom Atem ist viel Unsinn geredet worden. Viele Gruppen erteilen eine Menge von gefährlichen Anweisungen über das Atmen - gefährlich, weil sie auf Bücherweisheit beruhen und weil ihre Exponenten sie niemals selber eingehend erprobt haben; gefährlich außerdem, weil viele Gruppen unreife Anfänger einfach ausbeuten wollen, meistens zu geschäftlichem Nutzen. Die Masse der Aspiranten darf froh sein, daß die Informationen und Anweisungen schwach, ungenau und häufig harmlos sind, obwohl sie in vielen Fällen üble Folgen verursachen.

Jedermann kann Atemübungen lehren. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um regelmäßiges Ein- und Ausatmen, dessen Länge und Rhythmus vom Wunsch des Lehrers abhängt. Wer sich beharrlich bemüht, wird dabei Erfolge haben, aber sie werden meistens unerwünscht sein, denn der Durchschnittslehrer betont zwar die Technik des Atmens, aber nicht die Ideen, die - mit den durch den Atem erzeugten Energien - im Leben des Jüngers Gestalt annehmen sollten.

Die gesamte Wissenschaft des Atems hat das Heilige Wort, das OM, zum Mittelpunkt. Es war beabsichtigt, den Gebrauch des Wortes jenen Aspiranten vorzubehalten, die sich ernstlich verpflichtet haben, den Pfad zu beschreiten. Es hat sich aber herumgesprochen und wird heute von vielen, gewissenlosen Lehrern zum Gebrauch empfohlen, besonders von gewissen Swamis, die aus Indien kommen, sich als Heilige Männer ausgeben und einfältige Menschen im Westen damit umgarnen. Das Wort wird dann mit keinerlei geistiger Absicht angewendet, sondern einfach als ein Laut, der, vom Atem getragen, gewisse psychische Wirkungen hervorruft, die von Leichtgläubigen als Beweise ihrer tiefen Geistigkeit angesehen werden. Das Traurige dabei ist, daß Atemübungen zwangsläufig mit dem OM in Beziehung stehen, aber die Wirkungen hängen ganz vom Motiv und von der inneren, festen Absicht ab.

Der einzige Faktor, der den Atem wirksam macht, ist der Gedanke, die Absicht und der treibende Wille, die dahinter stehen. In dieser Feststellung liegt der Schlüssel zu dynamisch wirksamen Atemübungen. Wenn der Zweck nicht klar gewürdigt wird, wenn der Jünger nicht weiß, was er tut wenn er esoterische Atemübungen macht und solange die Bedeutung der Worte „dem Gedanken folgt Energie“ nicht verstanden wird, sind Atemübungen reine Zeitvergeudung und möglicherweise gefährlich. Daraus läßt sich schließen, daß Resultate nur dann möglich sind, wenn eine Verbindung zwischen Atmen und Denken besteht.
Dahinter steht ein dritter und noch wichtigerer Faktor - der WILLE. Deshalb kann nur derjenige ohne Gefahr und mit Nutzen Atemübungen vornehmen, dessen Wille wirksam ist - d.h. der geistige Wille und somit der Wille der Geistigen Triade. Jeder Jünger, der im Begriff steht, die Antahkarana zu erbauen, kann vorsichtig damit anfangen, unter Aufsicht Atemübungen vorzunehmen. Im letzten Grund können eigentlich nur die Eingeweihten dritten Grades, die unter monadischen Einfluß gelangen, mit Erfolg diese Form der Lebenslenkung anwenden und dabei wirksame Resultate erzielen. Das ist eine grundsätzliche Wahrheit.

Atemübungen haben eine rein physiologische Wirkung, wenn sie nicht durch gelenktes Denken angeregt oder motiviert sind und wenn sie sich nicht daraus ergeben, daß der Aspirant einen Spannungspunkt erreicht hat und beibehält. Während des Ein- und Ausatmens muß ständig eine klare aktive Gedankenlinie eingehalten werden, damit der Atem (beim Aussenden) mit irgendeiner Idee qualifiziert und erfüllt wird. An dieser Stelle versagt der Durchschnittsaspirant so oft. Gewöhnlich ist er so intensiv mit der Atemlenkung beschäftigt und so voller Erwartung gewisser Wirkungen in der Erscheinungswelt, daß er den lebendigen Zweck des Atems vergißt. Dieser Zweck besteht darin, durch Aussendung eines dargestellten Gedankens, der eine erfühlte und festgestellte Idee ausdrückt, dem Leben der Zentren Energie und neue Qualität zuzuleiten. Wo diese Grundlage idealistischen Denkens fehlt, werden die Resultate des Atmens praktisch null sein, oder - wenn sich unter diesen Umständen Resultate irgendwelcher Art einstellen - werden sie mit dem Denken durchaus nichts zu tun haben, sondern psychischer Natur sein. Dann können sie ständige psychische Schwierigkeiten verursachen, denn sie stammen aus astraler Quelle und die ausgesandte Energie strömt zu den Zentren unterhalb des Zwerchfelles; sie nährt dadurch die niedere Natur, bereichert und bestärkt deren astralen Inhalt und verschlimmert und vergrößert dadurch die Verblendung.

Die Auswirkungen können auch physiologischer Art sein, weil durch eine Stimulierung des ätherischen Körpers die physische Natur gestärkt wird. Das führt häufig zu ernsten Folgen, denn der Atem wird Zentren zugeführt, die „im Begriff der Erhöhung“ stehen sollten, wie man das esoterisch nennt; das bestärkt ihre physische Wirkungskraft, nährt die physischen Gelüste und erschwert in erhöhtem Maß das Bestreben des Aspiranten, seine niedere Natur zu verfeinern und das Leben seiner Zentren oberhalb des Zwerchfells oder im Kopf zu verankern.
Dann wachsen Verblendung und Maya; und während des Lebens, in dem diese Übungen falsch angewendet werden, bleibt der Aspirant in einem statischen und gewinnlosen Zustand. Während er einatmet, entnimmt er den Atem aus dem inneren seiner eigenen Aura, seines aurischen Grenzringes. Er nährt die niedere Natur und formt einen „circulus vitiosus“ innerhalb seiner selbst, der von Tag zu Tag stärker wird, bis er vollends von der Verblendung und Maya umgarnt ist, die er immer wieder neu erschafft. Die niederen Zentren werden ständig belebt und zu äußerster Tätigkeit angeregt. Der Spannungspunkt, von dem aus der Aspirant dann wirkt, befindet sich in der Persönlichkeit und ist nicht in bezug auf die Seele eingestellt; das Bewußtsein der Einzigartigkeit spezieller Atemübungen und die Erwartung rein psychischer Phänomene verhindert alles Denken, abgesehen von niederen Gedanken kama-manasischer Art; die Gefühle werden genährt und verstärkt und der Astralkörper wächst ins Ungeheure; häufig zeigen sich auch erhebliche physiologische und auffällige Folgeerscheinungen, wie z.B. eine große Erweiterung des Brustkastens und eine Verstärkung der Muskeln des Zwerchfelles.

Ich habe mich mit diesem Vorgang deshalb eingehender befaßt, weil durch Atemübungen die durch die „Nadis“ strömenden Kräfte ganz deutlich fortbewegt und - meistens vorzeitig - umgebildet werden. Atemübungen beschleunigen sowohl das Niederreißen der Schutzwälle, welche vier Kräfte von der fünften Energie trennen, als auch das Durchbrennen der schützenden ätherischen Gewebe, die sich entlang der Wirbelsäule befinden. Wenn dies eintritt, solange der Akzent des Lebens noch unterhalb des Zwerchfells liegt, und wenn der Betreffende noch nicht einmal ein Aspirant oder besonders intelligent ist, dann verursacht dies eine Überreizung des Geschlechtslebens, und das Tor zur Astralebene öffnet sich; daraus ergeben sich viele physische Störungen und Krankheiten. Im okkulten Sinne „werden die niederen Feuer losgelassen und der Mensch wird vom Feuer verzehrt“, anstatt daß er, wie es beabsichtigt ist, „zum brennenden Busch wird, der ewig lodert und nicht zerstört werden kann“. Findet dieser Feuerprozeß durch erzwungene Maßnahmen statt und steht er nicht unter richtiger Anleitung, dann müssen unbedingt Schwierigkeiten auftreten. Wenn der Mensch auf dem Läuterungs- oder Bewährungspfad steht oder sich im Frühstadium der Jüngerschaft befindet, in welchem seine Zielsetzungen größtenteils oberhalb des Zwerchfells liegen, dann besteht die große Gefahr, daß überentwickelter Egoismus, Überreizung des Herzzentrums (gefolgt von Herzkrankheiten aller Art und von Gemütsreaktionen über Gruppenzustände), Schilddrüsen- und Gehirnstörungen sowie Affektionen, die hauptsächlich von der Zirbeldrüse ausgehen, auftreten.

 

Quellen: Alice A. Bailey/ Djwhal Khul in „Verblendung: Ein Weltproblem“ sowie „Eine Abhandlung über die sieben Strahlen“