Der Hüter der Schwelle
Vereinfacht gesagt ist der Hüter der Schwelle Illusion-Verblendung-Maya, wie sie das physische Gehirn wahrnimmt und als das erkennt, was überwunden werden muß. Er ist die verwirrende Gedankenform, die der Jünger vorfindet, wenn er die seit Urzeiten angehäufte Verblendung zu durchbrechen und seine wahre Heimat in der Stätte des Lichts aufzufinden sucht.
Die niederen Körper (die Instrumente der Seele) sind die Zentren, durch die sich das Leben der Seele manifestiert. Wenn das Bewußtsein des Menschen sich ständig in die höheren Körper verlagert, die dann als neue Ausdruckszentren fungieren können, wird die Seele immer mehr zum obersten Zentrum, das mit vollem Bewußtsein Erfahrungen einsammelt; und die untergeordneten Erfahrungszentren (in den niederen Körpern) verlieren ständig an Bedeutung. Die Seele sammelt dann weniger Erfahrung durch diese Körper, sondern spannt sie immer mehr in ihre Dienste.
Wenn das Licht der Erleuchtung von der Seele über den Denkkörper zum Gehirn strömt, läßt es zuerst jene Gedankenformen und Wesenheiten hervortreten und in den Vordergrund des Bewußtseins rücken, welche das niedere Leben anschaulich zeigen und in ihrer Gesamtheit den Hüter der Schwelle bilden.
Auf diese Weise nimmt der Aspirant als erstes dasjenige wahr, was er als unerwünscht erkennt; seine Unwürdigkeit, seine Unzulänglichkeiten und die unerfreulichen Bestandteile seiner eigenen Aura brechen in seiner Schau plötzlich hervor. Die Dunkelheit, die in ihm ist, wird verstärkt durch das Licht, das schwach aus dem Zentrum seines Wesens schimmert, und oft verzweifelt er an sich selbst und versinkt in tiefste Niedergeschlagenheit. Alle Mystiker legen hierfür Zeugnis ab; es ist eine Zeitspanne, die man durchleben muß, bis das reine Licht des Tages alle Schatten und Finsternisse vertreibt, bis nach und nach das Leben strahlender und leuchtender wird, bis die Sonne im Kopf in ihrer ganzen Herrlichkeit scheint.
Der Hüter der Schwelle wird oft als ein Unheil angesehen, als ein Schreckgespenst und ein letztes, höchstes Übel, dem man aus dem Wege gehen müsse. Dem muß man entgegenhalten, daß der Hüter „vor dem Eingangstor ins Gottesreich“ steht, daß er im Schatten der Pforte lebt, die zum Einweihungstempel führt, und daß er dem Engel der Gegenwart (gemeint ist die Seele) ins Antlitz schaut, mit offenen Augen, wie es die alten Schriften nennen. Man kann den Hüter folgendermaßen definieren: er ist die Gesamtheit der Kräfte des niederen Selbstes, die in der Persönlichkeit zum Ausdruck kommen, solange noch keine Erleuchtung, keine Inspiration und keine Einweihung erlebt wurde. Die Persönlichkeit an sich ist in diesem Stadium äußerst kraftvoll; der Hüter der Schwelle verkörpert alle psychischen und mentalen Kräfte, die sich durch Jahrtausende im Menschen entwickelt haben, und die mit Sorgfalt genährt und gepflegt wurden.
Der Hüter der Schwelle ist die vollentwickelte Persönlichkeit - die Gesamtsumme alles Vergangenen und die Zusammenfassung (auf der physischen Ebene) aller ungelösten Probleme, aller unausgesprochenen Wünsche, aller schlummernden Merkmale und Eigenschaften, aller Phasen des Denkens und des Eigenwillens, aller niederen Kräfte und uralter Angewohnheiten (sowohl schlechte als auch gute) der drei Körper. Sie werden in ihrer Gesamtheit an die Oberfläche des Bewußtseins gebracht, um dort in der Weise behandelt zu werden, daß ihre Kontrolle gebrochen wird.
Durch viele Leben hindurch hat der Jünger die Schwelle gehütet. Er selbst ist der Hüter. Hinter der sich langsam öffnenden Tür verspürt er Leben, Energie, geistige Verkörperung und die Tatsache des Engels. Zwischen ihm und jener Tür liegt ein glühender Boden; vor diesem steht er und er weiß, daß er ihn durchschreiten muß, wenn er durch die Tür hindurch möchte. Er steht vor der Frage, ob sein Wille zum Erfolg stark genug ist, um sein niederes, persönliches Selbst den Feuern der letzten Läuterung zu übergeben. Das persönliche Selbst ist jetzt sehr hoch entwickelt; es ist ein nützliches Werkzeug der Seele; es ist ein gründlich geschultes Mittel zum Dienen.
Kann es und sollte es aufgeopfert werden, so daß (esoterisch gesprochen) seine Aktivität verloren ginge und durch ein Leben der Heiligung und Hingabe ersetzt werden würde? Das ist ein hartes Problem, das alle Jünger lösen, verstehen und zu praktischer Auswirkung bringen müssen. Nur durch dreimaliges Überqueren des glühenden Bodens werden alle Hindernisse für die freie Willensäußerung zerstört. Die Beziehung zwischen dem Engel und dem Hüter muß durch den Willen zu vollem Ausdruck freigemacht werden.
Ich möchte auf die Tatsache hinweisen, daß die große Unterwerfung des Niederen unter das Höhere auf einem „Punkt auf halbem Weg“ stattfindet. Sie ereignet sich nicht, während der Jünger ungewiß am äußeren Rand des glühenden Bodens zögert oder wenn er vor der Tür steht, nachdem die Erfahrung des glühenden Bodens hinter ihm liegt. Der wesentliche Krisenpunkt, der den notwendigen Spannungspunkt hervorruft, ist das Resultat der „invokativen Entscheidung“ der Persönlichkeit, das mit der Zeit eine „evokative Antwort“ vonseiten des Engels hervorruft. Die beiden betreffenden Faktoren (wobei nicht zu vergessen ist, daß all dies im Bewußtseinsbereich des Jüngers vor sich geht) wirken gleichzeitig und kommen aufeinander zu. In der Mitte des glühenden Bodens treffen sie sich und dann wird das niedere Licht der Persönlichkeit in das größere Licht des Engels oder der Seele eingesaugt.
Die Persönlichkeit verbleibt; sie besteht fort, wird aber nicht mehr gesehen, wie von altersher. Das Licht des Engels hüllt sie ein; der glühende Boden hat sein Aufgabe erfüllt und die Persönlichkeit ist jetzt nichts mehr und nichts weniger als die gereinigte Schale oder Form, durch die das Licht, der Strahlenglanz, die Qualität und die Eigenschaften des Engels hindurchleuchten können. Es ist eine Fusion von Lichtern, wobei das stärkere und mächtigere das geringere auslöscht.
Die beiden Aspekte im Menschen können erst dann mit voller Macht, mit Absicht und endgültig zusammentreffen, wenn die Illusion das Denken nicht mehr beherrschen kann, wenn die Verblendung alle Kraft zur Verschleierung verloren hat und wenn die Mayakräfte nicht länger zu hindern vermögen. Klares Unterscheidungsvermögen, Leidenschaftslosigkeit und Indifferenz haben bewirkt, daß alle diese Täuschungen durch konzentriertes Licht, durch die zerstreuende Kraft des verbreiteten Lichts und durch die richtungsweisende Macht der Lichtenergie zum Verschwinden gebracht wurden.
Der Endkampf
Die beiden großen gegensätzlichen Kräfte, der Engel und der Hüter, werden einander Auge in Auge gegenübergestellt, und damit beginnt der Endkampf. Wir sind auf dem Weg des Freiwerdens, und auf diesem Weg entfällt alles unseren Händen; alles wird von uns genommen, und wir werden unabwendbar gezwungen, uns von der Welt des Formlebens und des individuellen Daseins loszulösen. Wir wandern den Weg der Einsamkeit und müssen am Ende verstehen lernen, daß wir im innersten Wesen weder ein Selbst noch ein Nicht-Selbst sind. Völlige Loslösung und unsere Unterscheidungsfähigkeit werden uns schließlich in einen Zustand von solch' ausgesprochenem Alleinsein versetzen, daß das Grauen der großen Finsternis sich auf uns herabsenkt. Doch wenn das Bahrtuch der Dunkelheit gelüftet ist und wieder Licht einströmt, dann geht dem Jünger die Erkenntnis auf, daß alles, was er aufgegriffen und gesammelt hatte, und was ihm dann verloren ging und von ihm genommen wurde, wieder rückerstattet ist, nur mit dem Unterschied, daß der Wunsch nach Besitz das Leben nicht länger mehr gefangen hält. Wir sind auf dem Weg zum Bergesgipfel der Absonderung und Isolierung. Auf der Bergspitze müssen wir die entscheidende Schlacht mit dem Hüter der Schwelle ausfechten. Doch auch dieses Erlebnis entpuppt sich als eine Täuschung. Daß wir uns dort isoliert wähnen und einen Kampf ausfechten, das sind nur Täuschungen und Erdichtungen der Unwirklichkeit, - die letzte Hochburg alten Wahnes und der großen Ketzerei des Trennungs- und Eigenwillens. Dann werden wir, die Seligen, uns vereint mit allem Seienden in den Gefilden der Liebe und des Verstehens wiederfinden. Unser isolierter Zustand ist ein notwendiges Stadium, er ist nur eine Täuschung. Wir kommen auf den Weg der Läuterung, und Schritt für Schritt wird alles, was wir gehegt und gepflegt hatten, von uns genommen, - die Lust, in einem Körper zu leben, das Verlangen nach irdischem Liebesglück und die große Verblendung, unsere Mitmenschen zu hassen. Das alles fällt von uns ab und wir stehen da, geläutert und aller Dinge ledig. Ein niederdrückendes Gefühl der Leere ist die unmittelbare Folge; es greift uns an die Kehle und wir meinen, der Preis, den wir für die Heiligkeit zahlen, sei zu hoch. Doch wenn wir auf dem Weg verharren, wird unser ganzes Sein mit einem Mal von Licht und Liebe durchflutet, und was wir als Leere empfanden, erweist sich als ein Medium, durch das Licht und Liebe zu der leidenden Menschheit strömen kann. Von nun an kann der Geläuterte an der Stätte der Gesegneten Herren verweilen, und von dort aus kann er wieder hervortreten, um „Erleuchtung hinauszutragen in die Welt der Menschen und der Götter“.
Quellen: Alice A. Bailey/ Djwhal Khul: „Esoterische Psychologie“ Band II, „Eine Abhandlung über Weiße Magie“ sowie „Verblendung: Ein Weltproblem“