Der Tod

Die Furcht vor dem Tod

Der streng materialistische Standpunkt, demzufolge die Erfahrung und Äußerung des bewußten Lebens nur so lange dauert, wie die physische, berührbare Form existiert, beruht darauf, daß der durchschnittliche Mensch unfähig ist, das aus einer Körperhülle zurückgezogene Leben zu empfinden.

Die Angst und die krankhafte Abneigung, die das Todesthema für gewöhnlich hervorruft und die mangelnde Bereitschaft, ihm verständnisvoll ins Auge zu sehen, entstehen dadurch, daß die Menschen den physischen Körper für so wichtig nehmen, sich mit ihm leicht identifizieren; sie beruht außerdem auf der ihnen angeborenen Furcht vor der Einsamkeit und dem Verlust alles bisher Vertrauten. Und doch ist die Einsamkeit, die nach dem Tode eintritt, wenn der Mensch sich ohne physischen Körper wiederfindet, nichts im Vergleich zu der Einsamkeit bei der Geburt. Bei der Geburt findet sich die Seele in einer neuen Umwelt und in einen Körper versenkt, der zuerst gänzlich unfähig ist, für sich selbst zu sorgen oder mit den Umweltbedingungen einen intelligenten Kontakt aufzunehmen - und zwar eine lange Zeit hindurch. Der Mensch tritt in die Inkarnation ohne eine Erinnerung an die Identität der inkarnierten Seelengruppe, mit der er sich jetzt verbunden sieht oder welche Bedeutung sie für ihn hat. Diese Einsamkeit schwindet erst allmählich in dem Maß, als er seine eigenen persönlichen Kontakte herstellt, wenn er diejenigen entdeckt, die ihm geistesverwandt sind und wenn er schließlich jene Menschen um sich sammelt, die er seine Freunde nennt. Nach dem Tod ist das anders, denn der Mensch findet auf der anderen Seite des Vorhangs alle diejenigen wieder, die er kennt und die mit ihm in seinem physischen Dasein verbunden waren; er ist niemals allein in dem Sinne, was die Menschen unter Einsamkeit verstehen. Er ist sich auch derer bewußt, die noch im physischen Körper weilen; er kann sie sehen, kann sich in ihre Empfindungen versetzen und auch auf ihre Gedanken einstellen, denn das physische Gehirn, das ja bei ihm nicht mehr vorhanden ist, wirkt nicht mehr als Hinderungsgrund. Wenn die Menschen nur mehr wüßten, so würden sie sich vor der Geburtserfahrung fürchten und nicht vor dem Tod, denn die Geburt wirft die Seele in das wirkliche Gefängnis und der physische Tod ist nur der erste Schritt auf dem Weg zur Befreiung.

Ein weiteres Schreckgespenst, das die Menschheit dazu bringt, den Tod als eine Katastrophe anzusehen, ist die von Theologen, besonders von den protestantischen Fundamentalisten und der römisch-katholischen Kirche den Menschen eingeimpfte Furcht - die Angst vor der Hölle, vor den zu erwartenden Strafen, die meistens in keinem Verhältnis zu den Irrtümern und Vergehen der Lebensdauer stehen und die Angst vor schrecklichen Dingen, die ihnen von einem zornigen Gott aufgeladen werden. Dem Menschen wird gesagt, daß er sich diesen Dingen unterwerfen müsse; vor ihnen gebe es kein Entrinnen, außer durch die stellvertretende Versöhnung. Wie ihr ja selber wißt, gibt es weder einen zornigen Gott, noch eine Hölle und auch keine stellvertretende Sühne. Es gibt nur ein einziges großes Prinzip der Liebe, welches das ganze Universum beseelt; da ist die Gegenwart des Christus, welche die Menschheit auf das tatsächliche Vorhandensein der Seele und darauf hinweist, daß wir durch die lebendige Kraft dieser Seele gerettet werden; die einzige Hölle ist die Erde selbst, wo wir lernen, an unserer eigenen Erlösung zu arbeiten - dazu angetrieben durch das Prinzip der Liebe und des Lichtes, angespornt durch das Beispiel Christi und den inneren Drang unserer eigenen Seele. Diese Lehre über die Hölle ist ein Überbleibsel der sadistischen Denkrichtung, die von der christlichen Kirche des Mittelalters eingeschlagen wurde und die auch in den irrtümlichen Lehren auftritt, die man im Alten Testament über Jehova, den Stammesgott der Juden, findet. Jehova ist nicht Gott, der planetarische Logos, das Ewige Herz der Liebe, den Christus offenbarte. In dem Maß, wie diese irrtümlichen Gedanken aussterben, wird auch die Höllenvorstellung in der Erinnerung der Menschen verblassen; an deren Stelle wird ein einsichtiges Verstehen des Gesetzes treten, das einen jeden Menschen dazu bringt, an seiner eigenen Erlösung auf der physischen Ebene zu arbeiten, - das ihn dazu führt, das Unrecht zu berichtigen, welches er vielleicht in seinen Erdenleben verübt hat und das ihn schließlich so weit bringt, daß „seine Schiefertafel völlig sauber wird“.

Grauen und Angst vor dem Tod gründen sich auf die Liebe zur Form - zu unserer eigenen Form, zu den Formen derer, die wir lieben und zur Form der uns vertrauten Umgebung und Umwelt. Doch diese Art von Liebe läuft all unseren Lehren über die geistigen Realitäten zuwider. Die Hoffnung auf die Zukunft, die Hoffnung auf unser Loskommen von dieser schlecht begründeten Furcht liegt darin, daß wir bestrebt sind, die absolute Tatsache der ewigen Seele anzuerkennen, und daß diese Seele geistgemäß, aufbauend und göttlich in den materiellen Hüllen leben soll und muß.
Sorgen, Einsamkeit, Not und Bedrängnis, Verfall und Verlust - alles das sind Ideen, die verschwinden müssen, wenn die allgemeine Reaktion gegenüber dem Tod ebenfalls schwindet. In dem Maß, wie die Menschen lernen, bewußt als Seelen zu leben und den Schwerpunkt ihres Bewußtseins in die seelischen Bereiche zu verlegen und wenn sie anfangen, die Form oder die Formen lediglich als Mittel der Wesensäußerung anzusehen dann werden die alten, düsteren Gedanken über den Tod allmählich vergehen; an deren Stelle wird eine neue, freudigere Einstellung zu dieser großen Erfahrung treten.

 

Zwei Augenblicke des Glanzes

Die Manifestation des Ätherkörpers in Zeit und Raum enthält zwei „Augenblicke des Glanzes“, wie man es esoterisch nennt. Da ist erstens der Augenblick vor der physischen Inkarnation, wenn das herabsteigende Licht (welches das Leben mit sich bringt) mit aller Intensität um den physischen Körper herum verdichtet wird und eine Verbindung mit dem der Materie selbst innewohnenden Licht, das sich in jedem Substanzatom befindet, herstellt. Dieses sich verdichtende Licht konzentriert sich sodann an sieben Stellen seines Wirkungsbereiches, so daß sieben Hauptzentren geschaffen werden, die seine Wesensäußerung und sein Dasein auf der physischen Ebene - esoterisch gesprochen - leiten und bestimmen werden. Dies ist ein Augenblick großer Strahlung; es ist beinahe so, als ob ein Funke pulsierenden Lichtes zu einer Flamme ausbricht und als ob in dieser Flamme sieben Kernpunkte verstärkten Lichtes Gestalt annähmen. Dies ist ein Höhepunkt im Werdegang der Inkarnation; er liegt nur eine ganz kurze Zeitspanne vor der physischen Geburt. Er führt die Geburtsstunde herbei.

Der nächste Abschnitt in dem Vorgang - so wie ihn der Hellseher sieht - ist das Stadium der Durchdringung, während dessen „die sieben zu den einundzwanzig und dann zu den vielen werden“; die Lichtsubstanz, der Energieaspekt der Seele, beginnt den physischen Körper zu durchdringen; das Schöpferwerk des Äther- oder Lebenskörpers ist vollendet. Die erste Bestätigung dieses Geschehens auf der physischen Ebene ist der „Laut“, den das neugeborene Kind ausstößt. Es ist der Höhepunkt des Werdegangs. Der von der Seele ausgeführte Schöpfungsakt ist jetzt vollbracht; ein neues Licht erstrahlt an einem dunklen Ort.

Der zweite Augenblick des Glanzes kommt bei der Umkehrung dieses Prozesses; er kündigt die Zeit der Rückerstattung und die endgültige Zurückziehung jener der Seele wesenseigenen Energie an. Das Gefängnis des Fleisches wird durch das Zurückziehen von Licht und Leben aufgelöst. Die neunundvierzig Feuer im physischen Organismus sterben ab; ihre Wärme und ihr Licht werden in die einundzwanzig Lichtpunkte und diese wiederum in die sieben Hauptzentren absorbiert. Dann wird das „Wort der Rückkehr“ ausgesprochen, und der Bewußtseinsaspekt, die Qualitätsnatur, das Licht und die Energie des inkarnierten Menschen werden in den Ätherkörper zurückgezogen. Ebenso zieht sich das Lebensprinzip vom Herzen zurück. Dann folgt ein strahlendes Aufflammen reinen elektrischen Lichtes; der „Lichtkörper“ bricht schließlich jeden Kontakt mit der grob-physischen Hülle ab, konzentriert sich eine kurze Zeit lang im Lebenskörper und verschwindet dann. Der Rückerstattungsakt ist vollzogen.

 

Manifestation und Rückerstattung

Der Akt des Sterbens ist das große, universelle Ritual, das unser ganzes planetarisches Leben beherrscht. Wenn ihr nur die ätherische Welt so sehen könntet, wie diejenigen auf der inneren Seite sie erfahren und schauen, würdet ihr erkennen, wie der große planetarische Akt der Rückerstattung unaufhörlich und pausenlos vor sich geht. Ihr würdet sehen, daß in der ätherischen Welt eine großartige Tätigkeit im Gang ist; da bringen die Anima Mundi, die Weltseele, die Tierseele und die Menschenseele ständig die Substanz aller physischen Formen wieder in das große Sammelbecken der Wesenssubstanz zurück. Diese Wesenssubstanz ist eine ebenso lebendige, gelenkte Einheit wie die Weltseele, von der man so viel hört. Dieses Wechselspiel des Todesprinzips mit dem Prinzip des Lebens bewirkt die grundlegende Aktivität der Schöpfung. Die antreibende, leitende Kraft ist das Denken Gottes, des planetarischen Logos, der im Verfolg seiner göttlichen Absichten bei diesem Vorgang alle die Hilfsmittel bei sich hat, durch die er sich manifestiert.

Zwei Hauptgedanken werden helfen, das Todesproblem zu klären, mit dem wir uns nun befassen:
Erstens der große Dualismus, der stets in der Erscheinungswelt vorhanden ist. Eine jede Dualität hat ihre eigene Ausdrucksform, unterliegt ihren eigenen Gesetzen und sucht sich ihre eigenen Ziele. In Zeit und Raum jedoch verschmelzen die Gegensätze ihre Interessen zum Nutzen beider, und gemeinsam erschaffen sie die Erscheinung einer Einheit. Geist-Materie, Leben-Erscheinung, Energie-Kraft - sie alle haben ihren eigenen emanierenden Aspekt; sie alle haben Beziehung zueinander, haben ein gegenseitiges, zeitweiliges Ziel und erschaffen so im Einklang miteinander das ewige Fliessen, das zyklische Ebben und Fluten des Lebens in Manifestation. Aus dieser Beziehung zwischen Vater-Geist und Mutter-Materie tritt der Sohn ins Dasein, und seine Lebensvorgänge finden im Kindheitsstadium innerhalb der mütterlichen Aura statt; mit ihr identifiziert, strebt er doch immer danach, ihrer Herrschaft zu entkommen. Wenn die Reife erreicht ist, verstärkt sich das Problem, und der „Zug“ des Vaters beginnt allmählich den Besitzanspruch der Mutter zu verdrängen; schließlich ist die Macht der Materie (oder der Mutter) über ihren Sohn (die Seele) gebrochen. Der Sohn, das Christuskind, frei von der Bevormundung und den klammernden Händen der Mutter, lernt den Vater kennen. Ich spreche in Symbolen zu euch.

Zweitens: Alle Vorgänge der Inkarnation, des Lebens in der Form und der Rückerstattung der Materie an die Materie (durch die Wirksamkeit des Todesprinzips) und der Seele an die Seele erfolgen nach dem großen, allgültigen Gesetz der Anziehung. Könnt ihr euch vorstellen, daß einmal die Zeit kommen wird, da der Mensch den klar erkannten und von ihm willkommen geheißenen Todesvorgang mit dem einfachen Satz beschreiben wird: „Es ist die Zeit gekommen, da die Anziehungskraft meiner Seele verlangt, daß ich meinen Körper verlasse und ihn dem Ort zurückgebe, von dem er kam“? Stellt euch die Wandlung im Menschenbewußtsein vor, wenn der Tod einmal als ein Akt einfachen, bewußten Verlassens der Form angesehen wird - der Form, die zeitweilig um zweier bestimmter Ziele willen angenommen wurde:
a. Um die Herrschaft in den drei Welten zu erlangen.
b. Um der je nach der Evolutionsstufe „gestohlenen, geborgten oder zu Recht angeeigneten“ Substanz der Formen die Gelegenheit zu geben, einen höheren Vollkommenheitsgrad dadurch zu erreichen, daß die dynamische Kraft des Lebens über die Seele - auf die Form einstürmt.

 

Das Auflösen der Getrenntheit

Die Wurzeln des Todes reichen tief hinab; das, was wir im üblichen Sinne Tod nennen, ist das Ende einer Epoche des Sonderseins als Einzelwesen auf der physischen Ebene. Folglich ist der Tod ein Prozeß des Einswerdens. Wenn ihr nur ein wenig tiefer in die Dinge hineinschauen könntet, dann würdet ihr erkennen und verstehen, daß der Tod das individualisierte Leben in ein weniger verkrampftes und beschränktes Dasein freigibt und schließlich - wenn der Todesvorgang bei allen drei Körperhüllen in den drei Welten abgeschlossen ist - in das Leben der Universalität entläßt. Dies ist ein Grad unaussprechlicher Glückseligkeit.

Der Tod scheint oft so sinnlos zu sein; das ist nur deshalb so, weil die Absicht der Seele nicht bekannt ist. Durch den Inkarnationsvorgang bleibt die vergangene Entwicklung verborgen; von uralten Vererbungen und Umweltbedingungen weiß man nichts, und das Wahrnehmungsvermögen für die Stimme der Seele ist noch nicht allgemein entwickelt. Das sind jedoch Dinge, die schon sehr bald Anerkennung finden werden.

Der Tod ist eines der Dinge, die wir am häufigsten erleben. Wir sind schon viele Male gestorben und werden auch immer wieder sterben. Der Tod ist hauptsächlich eine Bewußtseinsangelegenheit. In dem einen Augenblick, sind wir bewußt auf der physischen Ebene, und einen Augenblick später haben wir uns auf eine andere Ebene zurückgezogen und sind dort aktiv bewußt. Nur solange, als unser Bewußtsein sich mit dem Formaspekt identifiziert, wird der Tod für uns seinen alten Schrecken behalten. Aber sobald wir uns als Seelen erkennen und darauf kommen, daß wir fähig sind, nach Belieben unser Bewußtsein oder unseren Gewahrseinssinn in irgendeiner Form, auf jeder Ebene oder in jeder Richtung innerhalb der Formgestalt Gottes zu konzentrieren, werden wir keinen Tod mehr kennen.

Für den Durchschnittsmenschen ist der Tod der katastrophale Schluß, der die Beendigung aller menschlichen Beziehungen, das Aufhören aller physischen Tätigkeit, die Trennung von allen Zeichen der Liebe und der Zuneigung, und den (unfreiwillig und unter Protest vollzogenen) Übergang in das Unbekannte und Gefürchtete mit sich bringt. Es ist, als ob man ein erleuchtetes, warmes, freundliches und vertrautes Zimmer, wo unsere Lieben versammelt sind, verlassen und in die kalte, dunkle Nacht hinausgehen muß, allein und von Grausen erfaßt; man hofft auf das Beste, weiß aber nichts Sicheres.

Die Menschen vergessen jedoch gern, daß wir jede Nacht in den Stunden unseres Schlafes für die physische Ebene sterben und woanders lebendig und tätig sind. Sie vergessen, daß sie schon eine Gewandtheit im Verlassen des physischen Körpers erreicht haben; und nur, weil sie noch keine Rückerinnerung an dieses Hinausgehen und an die darauffolgende Zwischenzeit tätigen Lebens in das physische Gehirnbewußtsein mitbringen können, ist es ihnen unmöglich, Tod und Schlaf miteinander in Beziehung zu bringen. Letzten Endes ist der Tod nur eine längere Zwischenzeit in dem Leben der Tätigkeit auf der physischen Ebene; man ist nur für einen längeren Zeitraum „verreist“. Aber der Vorgang des täglichen Schlafengehens und der Vorgang des gelegentlichen Sterbens sind identisch.

 

Ausdruck des Lebens

Man sollte daran denken, daß die Absicht und der Wille der Seele, - die geistige Entschlossenheit zum Sein und zum Handeln, - die Fadenseele, das Sutratma, den Lebensstrom, als ein Mittel zur Äußerung in der Form benutzt. Dieser Lebensstrom teilt sich in zwei Ströme oder Fäden, sobald er den Körper erreicht, und ist wenn ich es so ausdrücken darf - an zwei Stellen im Körper verankert. Dies ist ein Symbol für die Differenzierung von Atma oder Geist in seine beiden Spiegelbilder: Seele und Körper. Die Seele oder der Bewußtseinsaspekt, der ein Menschenwesen zu einer vernunftbegabten, denkenden Wesenheit macht, ist durch einen Aspekt dieser Fadenseele an einem „Sitz“ im Gehirn „verankert“, der in der Gegend der Zirbeldrüse liegt. Der andere Lebensaspekt, der jedes Atom des Körpers beseelt und das Prinzip des Zusammenhaltes oder der Integration darstellt, findet seinen Weg zum Herzen und ist dort konzentriert oder verankert. Von diesen beiden Punkten aus versucht der geistige Mensch den Mechanismus zu beherrschen. So wird ein Wirken auf der physischen Ebene möglich, und das objektive Dasein wird zu einer vorübergehenden Äußerungsform.

Der Tod ist ein Vorgang, bei dem diese beiden Energieströme aus dem Herzen und dem Kopf zurückgezogen werden, was dann den völligen Verlust des Bewußtseins und die Auflösung des Körpers zur Folge hat. Der Tod unterscheidet sich vom Schlaf insofern, als beide Energieströme herausgezogen werden. Im Schlaf wird nur der Energiefaden zurückgezogen, der im Gehirn verankert ist, und wenn dies geschieht, wird der Mensch bewußtlos. Damit meinen wir, daß sein Bewußtsein oder sein Gewahrseinssinn an anderer Stelle konzentriert ist. Seine Aufmerksamkeit ist nicht mehr auf greifbare, physische Dinge gerichtet, sondern wendet sich einer anderen Welt des Seins zu und sammelt sich in einem anderen Rüstzeug oder Mechanismus. Beim Tod werden beide Fäden zurückgezogen oder im Lebensfaden vereint. Die Lebenskraft hört auf, mit Hilfe des Blutstroms den Körper zu durchdringen, und das Herz stellt seine Funktion ein, ebenso wie das Gehirn aufhört zu registrieren, und so tritt Stille ein. Das Haus ist leer. Jede Tätigkeit hört auf, ausgenommen jene erstaunliche, unmittelbare Wirksamkeit, die das Vorrecht der Materie selbst ist und in dem Zersetzungsprozeß zum Ausdruck kommt.

 

Der Tod ist Illusion

Ich spreche über den Tod als einer, der die Sache von beiden Seiten - von der äußeren Welterfahrung und der inneren Lebensäußerung - her kennt: Es gibt keinen Tod. Es gibt, wie ihr wißt, den Eintritt in ein reicheres Leben. Es gibt Befreiung von den Beeinträchtigungen der fleischlichen Hülle. Den Losreißungsprozeß, der so sehr gefürchtet wird, gibt es nicht, ausgenommen in Fällen gewaltsamen und plötzlichen Todes und dann sind die einzig wirklichen Unannehmlichkeiten ein augenblicklanges, überwältigendes Gefühl drohender Gefahr und Vernichtung und etwas, was einem elektrischen Schock sehr nahe kommt. Nichts weiter.

Für den Unentwickelten ist der Tod tatsächlich Schlaf und Vergessen, denn das Denkvermögen ist noch nicht genügend erweckt, um reagieren zu können, und der Speicher der Erinnerungen ist praktisch noch leer.

Für den guten Durchschnittsbürger ist der Tod die Fortsetzung des Lebensprozesses im Bewußtsein und die Beibehaltung der Interessen und Tendenzen des Lebens. Sein Bewußtsein und sein Wahrnehmungssinn bleiben unverändert dieselben. Er spürt keinen großen Unterschied, wird wohl betreut und ist sich oft gar nicht bewußt, das Todesereignis durchgemacht zu haben.

Für den schlechten, äußerst egoistischen Menschen, für den Verbrecher und jene wenigen Menschen, die nur für die materielle Seite leben, ergibt sich jener Zustand, den wir „erdgebunden“ nennen. Die Ketten, mit denen sie sich an die Erde geschmiedet haben, und die erdwärts gerichtete Neigung aller ihrer Begierden zwingen sie, nahe bei der Erde und in der Nähe ihres letzten Aufenthalts in der irdischen Umgebung zu bleiben. Sie suchen verzweifelt und mit allen Mitteln, den Kontakt mit ihr wiederherzustellen und zurückzukommen. In einigen wenigen Fällen hält große persönliche Liebe zu den Zurückgelassenen oder das Versäumnis einer erkannten, dringenden Pflicht die Guten und Schönen in einem ähnlichen Zustand fest.

Für den Aspiranten ist der Tod ein unmittelbarer Eingang in eine Sphäre des Dienstes und der Wesensäußerung, an die er gut gewöhnt ist und die er sofort als altvertraut erkennt. In den Stunden des Schlafes hat er ein Betätigungsfeld des Dienens und Lernens entwickelt. Dort wirkt er jetzt die ganzen vierundzwanzig Stunden hindurch (um in Zeitbegriffen der physischen Ebene zu sprechen) anstelle der gewohnten wenigen Stunden seines irdischen Schlafes.

Der Jünger findet seine Gruppe in des Meisters Ashram und bemeistert bewußt und mit voller Klarsicht den Tod - den lange gefürchteten Feind des Daseins. Er entdeckt, daß Tod einfach eine Wirkung ist, die vom Leben und durch seinen bewußten Willen herbeigeführt wird; daß er eine Methode ist, mit der er die Substanz lenkt und die Materie beherrscht. Dies wird ihm deshalb bewußt möglich, weil er - nachdem er Gewahrsein für zwei göttliche Aspekte (schöpferische Tätigkeit und Liebe) entwickelt hat - nun in dem höchsten Aspekt konzentriert ist und sich als den WILLEN, das Leben, den Vater, die Monade, den Einen, erkennt.
Zerstörung, Tod und Auflösung sind in Wirklichkeit nichts anderes als Lebensvorgänge. Zurückziehung ist ein Anzeichen für ein Weitergehen, für Fortschritt und Entwicklung. Mit eben diesem Aspekt des Lebensgesetzes (oder des Gesetzes der Synthese) beschäftigt sich der Eingeweihte in besonderem Maße.

 

Quellen:Alice A. Bailey/ Djwhal Khul in „Eine Abhandlung über Weiße Magie“ und „Esoterisches Heilen“