Die Welt der Gedanken

Der okkulte Pfad führt durch die Regionen der eigenen Seele. Er besteht in der Reinigung der Seele von allen Schlacken der Selbstsucht, in der Entfernung der Begierden und Leidenschaften, die in den Vorurteilen wurzeln. Die Gedanken des Menschen werden, wenn der Wunsch sie beseelt, zu individuellen Wesenheiten oder Geistern, welche die astrale Natur des Menschen bewohnen und auf ihn beständig einwirken, da auch ihnen, wie allen Geschöpfen, der Drang der Selbsterhaltung innewohnt. Darum ist jeder Mensch von vielen Geistern umgeben, der eine von Engeln, der andere von Teufeln, die ihren Erzeuger beständig, ihrer Natur entsprechend, beeinflussen, indem sie ihn entweder zum Guten oder zum Schlechten verführen. Darum ist der Mensch selbst für alle seine Taten verantwortlich, weil er die ihn verführenden Gedankenwesen (Geister) selbst geschaffen hat. Sie besitzen oft eine große Macht und leiten und beherrschen den Menschen in allem seinen Tun. Sie heißen Geister, obgleich sie meist recht wenig Geist besitzen. Der Unwissende bildet sich ein, frei zu sein, während er doch nur der Sklave seiner eigenen niederen Natur ist.
Hermann Rudolph in „Die Gefahren des Okkultismus“

Jeder voll entwickelte Gedanke eines Menschen geht in die innere Welt ein und wird durch Verbindung, wir könnten sagen, durch Verschmelzung mit einem Elementarwesen, d. h. mit einem der halbvernünftigen Kräfte der "Elementarreiche", ein selbständiges tätiges Wesen. Es bleibt als eine aktive Intelligenz, als ein Geschöpf des erzeugenden Intellekts gemäß der Stärke der Gehirntätigkeit längere oder kürzere Zeit lebendig. So wird ein guter Gedanke zu einer dauernden, wohltätigen Macht, ein böser zu einem unheilbringenden Dämon. So bevölkert der Mensch seine Laufbahn im Raum beständig mit seiner eigenen Welt, mit den Kindern seiner Launen, Wünsche, Triebe und Leidenschaften; alle diese Kraftpotenzen bilden einen Strom und wirken je nach der Stärke ihrer Energie auf jedes mit ihnen in Berührung kommende organisierte Wesen mit Gefühlen und Nerven.

Engel und Dämonen unserer eigenen Schöpferkraft umgeben uns auf allen Seiten, bringen unseren Nächsten Wohl und Weh', bringen Wohl und Weh' uns selbst - fürwahr eine karmische Schar!

Die Lebensdauer dieser beseelten Gedankenformen hängt zunächst von ihrer Ursprungskraft ab, d. h. von der Willensstärke, welche ihr menschlicher Erzeuger in sie gelegt hat; sodann von der ihnen nach ihrer Erzeugung gelieferten Nahrung, welche in der Wiederholung des Gedachten entweder durch den ursprünglichen Erzeuger oder durch andere besteht. Durch solche Wiederholung kann ihr Leben fortdauernd verstärkte Kraft erlangen; ein Gedanke, über den der Mensch brütet und dem er sich wiederholt eingehend hingibt, erlangt auf der psychischen Ebene eine Gestalt, die lange der Auflösung widersteht. So ziehen sich auch Gedankenformen ähnlichen Charakters einander an und stärken sich gegenseitig, so daß sie schließlich ein sehr willensstarkes und lebensfähiges Gebilde in der astralen Welt darstellen.

Gedankenformen bleiben mit ihrem Erzeuger in einer Art magnetischer Verbindung...; sie wirken auf ihn zurück und beeinflussen ihn in der Art, daß sie ihn zu ihrer Wiedererzeugung veranlassen. Wird - wie oben erwähnt - eine Gedankenform durch wiederholtes Nachdenken gekräftigt, so wird der betreffende Gedanke zu einer bestimmten Gewohnheit, es entsteht gleichsam eine Form, in welche der Gedanke leicht hineinfließt, entweder, wenn er erhabenen Charakters ist, zu einer heilsamen Wirkung als edles Ideal, oder wenn, wie leider meistens der Fall, niedrig, als ein schlimmes Hindernis geistigen Wachstums.

Aber der Mensch erzeugt nicht nur seine eigenen Gedankenformen und sendet sie aus, sondern er ist auch ein Magnet, welcher aus der ihn rings umgebenden Astralebene Gedankenformen Anderer anzieht, welche denen seiner eigenen Gedanken verwandt sind. Auf diesem Wege vermag der Mensch Kräfte zur Verstärkung seiner Willensenergie herbeizuziehen, und es hängt von ihm ab, ob diese aus der Außenwelt ihm zuströmenden Kräfte heilsam oder verderblich sind. Sind seine Gedanken rein und edel, so werden die Scharen wohltätiger Wesen in seine Nähe ziehen, und manchmal wird er sich vielleicht wundern, woher ihm solche Tatkraft kommt, die ihm, mit Recht, so viel größer als seine eigene zu sein scheint. Ganz ebenso zieht ein Mensch voll niedriger und gemeiner Gedanken böswillige Wesen an und begeht durch die so gestärkte böse Willenskraft Verbrechen, über die er nachträglich selbst erstaunt. „Ein Teufel muß mich in Versuchung geführt haben“ ruft er aus, und so ist es; dämonische Mächte werden durch das Böse in ihm herbeigerufen und vergrößern dessen Gewalt. Die guten oder bösen Elementarwesen, welche die Gedankenformen beseelen, verbinden sich mit den Elementarwesen im menschlichen Begierdenkörper und mit denen, welche die eigenen Gedankenformen des Menschen beseelen, und werden auf diese Weise, obwohl von außen kommend, im Innern des Menschen wirksam. Nur müssen sie Wesen ihrer eigenen Art im Menschen vorfinden, mit denen sie sich verbinden können, sonst sind sie nicht imstande, Wirkungen auszuüben.

Es scheint, daß, wenn Menschen eine Menge böser Gedankenformen zerstörender Art schaffen, und wenn diese sich in großen Massen in der Astralebene zusammenfinden, deren Energie heftig auf die physische Ebene wirkt, Kriege, Revolutionen, soziale Unruhen und Störungen jeder Art anschürt und dann als Kollektiv-Karma auf ihre Urheber zurückfällt und weithin Elend verbreitet. So ist auch kollektiv der Mensch der Herr seines Geschickes, und seine Welt wird durch seine schöpferischen Taten gestaltet.
Annie Besant - Auszüge aus „Karma“