Glück
Das Glück ist ein Geburtsrecht des Menschen, doch nicht das Glück auf der Erde, denn die Erde wird ihn nicht lange genug in ihrem Schoße bergen, um ihn zu erfreuen. Glück ist sein Geburtsrecht als Geist, nicht als sterblicher Mensch, und deshalb ist das Glück ein viel größerer Besitz, als er es sich vorstellt. Die Zufriedenheit erfüllt ihn in jenem Bewußtseinzustand, in dem sie sich vollkommen offenbaren kann, weil es dort nicht den Kampf zwischen den Gegensätzen und auch keine Furcht mehr gibt; denn dort gibt es weder Wechsel noch Tod.
Mabel Collins in „Das Erwachen“
Wir leben als äußere Erscheinung in einer Welt von Erscheinungen und urteilen nach dem Schein; wir erfreuen uns unseres Truglebens und sind darin vielleicht für eine Zeitlang glücklich, aber noch glücklicher ist derjenige, der sich vom Truge frei gemacht hat und sein wahres Wesen in allem erkennt. Sein Glück ist nicht vorübergehend, sondern von ewiger Dauer. Auch der Ochse auf fetter Weide ist glücklich und der Wißbegierige über seinen Büchern, aus denen er die Gedanken verschiedener Leute sammelt und sie in seinem Gedächtnis aufhäuft. Wie aber die Kenntnisse eines Gelehrten über der Verdauung des Ochsen stehen, so und noch viel höher steht die Selbsterkenntnis des Weisen über aller erlernten Gelehrsamkeit, welche ohne eigene Erkenntnis der Wahrheit nur eine Vorstellung ist.
Franz Hartmann in „Die weiße und schwarze Magie“
Ein alter Mann mit Namen Chunglang, das heißt „Meister Felsen“, besaß ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, daß er eins von seinen Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeigen.
Der Alte aber fragte: „Woher wollt ihr wissen, daß das ein Unglück ist?“ Und siehe da: einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall ihre Glückwünsche bringen.
Der Alte vom Berge aber versetzte: „Woher wollt ihr wissen, daß es ein Glücksfall ist?“
Seit nun so viele Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reiten zu fassen, und eines Tages brach er das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen: „Woher wollt ihr wissen, daß dies ein Unglücksfall ist?“
Im Jahr darauf erschien die Kommission der „Langen Latten“ in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht.
Chunglang mußte lächeln.
Chinesische Parabel
Wo es kein Leiden gibt, gibt es keinen Gedanken an Transformation und Verwirklichung.
Das ist das Merkwürdige am Glücklichsein: Es blockiert jeden weiteren Fortschritt. In Schmerz und Leiden verbirgt sich die Sehnsucht nach Wachstum. Leiden regt uns dazu an, Mittel und Wege zu finden, uns von Kummer und Schmerz zu befreien. Wenn wir glücklich sind, hört alles Suchen auf.
Glück ist in diesem Sinn seltsam, denn es beinhaltet keine weitere Bewegung.
Osho in „Das Chakra-Buch – Energie und Heilkraft der feinstofflichen Körper“