Ich-Bewußtsein
Das, was du dein Leben nennst, ist eigentlich nur eine Bewegung, ein Ablauf im Bewußtsein, und aus dieser Bewegung entsteht die Projektion, die Vorstellung eines subjektiven Lebens: die Vorstellung von einem Gestern und einem Morgen, die Vorstellung von Geburt und Tod.
Innerhalb dieser subjektiv belebten Vorstellungen installiert sich eine Art mentale, magnetische Gefangenschaft, in der das Ich in seinen eigenen imaginären, konzeptuellen Vorstellungen von einem Diesseits und einem Jenseits gefangen ist.
Deine unzähligen mentalen Konstruktionen verfälschen dein eigentliches klares und reines Hiersein. Egozentrische Kräfte halten dich in stumpfsinnigen Routinen und Zyklen, von endlosen Begierden, von Wünschen und Hoffen gefangen. Sie sind der Antrieb, die Mechanik der Schicksalskräfte, die die Seele in halb bewußten Welten gefangen hält.
Durch deine eigenwilligen Gedanken wird ein unsichtbares Gebäude errichtet, in dessen Bildern und Kräften du lebst. In dieser festgelegten Art des Denkens und Sehens erlebst du dich selbst und bist dir so als Ich-Bewußtsein deiner selbst bewußt. Deine Gedanken und alles, was sie bewirken und entstehen lassen, sind die Aktivitäten eines Traum-Ichs, daß in seiner eigenen Traumwelt lebt.
Das Ich-Bewußtsein ist wie ein Schatten der Sonne. Schatten sind Phänomene des Sonnenlichts, doch Sonnenlicht ist und bleibt schattenlos. Du bist wie Sonnenlicht. Du hast die physische Welt nie berührt, obwohl du auf der relativen Ebene als Körper im Weltenraum erscheinst.
Mario Mantese - Auszüge aus „Das, was du wirklich bist“
Bin ich Ich?
Der Alltagsmensch will, empfindet, denkt und handelt nicht selbst, sondern die Natur tut das in ihm. Sein Organismus gleicht einer Herberge, in welcher beständig Gäste ein- und ausgehen, mit denen der Wirt sich identifiziert. Sein physischer Körper nimmt Nahrung auf von der äußeren Natur, und sie gehört ihm solange, bis sie durch den Stoffwechsel wieder ausgeschieden und durch neues ersetzt ist. Die Leidenschaften, welche die Welt bewegen, dringen in sein Gemüt wie der Wind, der durch die offenen Fenster bläst; sie erregen in ihm Zorn und Lust, Neid und Begierde, und er denkt fälschlich: „Ich bin zornig und begierig“ anstatt zu sagen: „Die Natur ist zornig, begierig usw. in mir.“ Die Ideen, welche in der Welt der Ideen ihr Dasein haben, spiegeln sich in seinem Geiste wieder, und er wähnt, dass sie sein dauerndes, beständiges Eigentum seien.
Alle diese Dinge stammen aus der Natur, aus dem physischen Organismus derselben, aus dem Astrallichte und der Gedankenwelt. Wenn der menschliche Organismus in die Bestandteile, aus denen er zusammengesetzt ist, zerfällt, so kehren alle diese Dinge wieder zu ihrem Ursprung zurück. Nach dem Tode des Körpers tritt die Erde die Erbschaft des Verlassenen an; durch den „zweiten Tod“ kehrt sein Astralköper zu seinem Elemente zurück und das Wissen, das er aus der großen Vorratskammer des Weltgeistes geschöpft hat, liefert er schließlich wieder an diese zurück. Nur dasjenige, was zu seinem eigenen Wesen geworden ist, gehört ihm. Die Seele (Psyche), welche nicht selbst leuchtet, kehrt, ohne vom Lichte bekleidet zu sein, nackt und dunkel zu ihrem Ursprung zurück.
Dasjenige im Menschen, was nicht vergehen kann, ist seine Seele, sein dauerndes „Ich“, welches leuchtet, wenn es zu Selbstbewußtsein gekommen ist. Es kann nicht vergehen, weil es selber ein Ausfluß des ewigen Lichtes ist; aber so lange der Mensch der Erde dieses sein wahres Ich nicht fühlt und erkennt, solange ist dieses Licht auch nicht für ihn da; er lebt in der Finsternis, umgaukelt von den Irrlichtern seines geborgten Wissens, die aber nicht verschwinden, und die ihrer vermeintlichen Schätze beraubte Seele kehrt wieder zur Erde zurück, um aufs neue nach dem Lichte zu suchen.
Franz Hartmann in „Die weiße und schwarze Magie“
Wenn alles Unheil, alle Angst und alles Leiden dieser Welt vom Festhalten an einem Ich herrührt, wozu brauche ich dann diesen großen bösen Geist?
Shantideva