Schönheit

Im gegenwärtigen Zeitalter sehen wir schon die Anzeichen ..., daß der Mensch endlich erkannt hat, daß nur die Begrenztheit seines Wahrnehmungsvermögens das Feld seiner ästhetischen Bewußtheit in Häßlichkeit und Schönheit geteilt hat. Wenn er die Kraft hat, die Dinge losgelöst vom persönlichen Interesse und von den hartnäckigen Ansprüchen der Sinneslust zu sehen, kann er überall Schönheit erblicken. Nur dann kann er sehen, daß das, was uns unangenehm ist, nicht unbedingt unschön sein muß, sondern daß die Schönheit jeder Erscheinung im Ausdruck ihres wahren Wesens liegt. Wenn wir sagen, Schönheit sei überall, meinen wir nicht, daß das Wort Häßlichkeit aus unserer Sprache gestrichen werden sollte, genauso, wie es absurd wäre, zu behaupten, daß es so etwas wie Unwahrheit nicht gibt. Gewiß gibt es Unwahrheit, nicht im System des Weltalls, sondern in der Kraft unseres Erkenntnisvermögens als sein negatives Element. Gleicherweise gibt es das Häßliche im verzerrten Ausdruck der Schönheit in unserem Leben und in unserer Kunst, und hier kommt das Häßliche aus der unvollkommenen Verwirklichung der Wahrheit. In gewisser Weise können wir unser Leben gegen das Gesetz der Wahrheit leben, das in uns und in allem lebt, und genauso können wir dem Häßlichen Ausdruck verleihen, indem wir dem ewigen Gesetz der Harmonie widerstreben, das überall besteht.
Rabindranath Tagore in „Sadhana – Der Weg zur Vollendung“

Unrein und verzerrend ist der Blick des Wollens. Erst wo wir nichts begehren, erst wo unser Schauen reine Betrachtung wird, tut sich die Seele der Dinge auf, die Schönheit.
Der Mensch, den ich mit Furcht, mit Hoffnung, mit Begehrlichkeit, mit Absichten, mit Forderungen ansehe, ist nicht Mensch, er ist nur trüber Spiegel meines Wollens. Ich blicke ihn, wissend oder unbewußt, mit lauter beengenden, fälschenden Fragen an: Ist er zugänglich oder stolz? Achtet er mich? Kann man ihn anpumpen? Versteht er etwas von Kunst? Mit tausend solchen Fragen sehen wir die meisten Menschen an...
Im Augenblick, da das Wollen ruht und die Betrachtung aufkommt, das reine Sehen und Hingegebensein, wird alles anders. Der Mensch hört auf, nützlich oder gefährlich zu sein, interessant oder langweilig, gütig oder roh, stark oder schwach. Er wird Natur, er wird schön und merkwürdig wie jedes Ding, auf das reine Betrachtung sich richtet. Denn Betrachtung ist ja nicht Forschung oder Kritik, sie ist nichts als Liebe. Sie ist der höchste und wünschenswerteste Zustand unserer Seele: begierdelose Liebe.
Haben wir diesen Zustand erreicht..., dann sehen die Menschen anders aus als sonst. Sie sind nicht mehr Spiegel oder Zerrbilder unseres Wollens, sie sind wieder Natur geworden. Schön und häßlich, alt und jung, gütig und böse, offen und verschlossen, hart und weich sind keine Gegensätze, sind keine Maßstäbe mehr. Alle sind schön, alle sind merkwürdig, keiner mehr kann verachtet, kann gehaßt, kann mißverstanden werden.
Hermann Hesse – Auszüge aus „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“(Kapitel „Von der Seele“)

Der Mensch braucht keine Schönheit von außen. Die Schönheit der Hand ist, daß sie das tut, was die Zunge sagt. Die Schönheit der Zunge ist, daß sie das spricht, was der Gedanke denkt. Die Schönheit des Gedankens ist, daß er das denkt, was Gott ist.
Sathya Sai Baba