Die Welt unser Traum
Nachts im Traum die Städt' und Leute,
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen,
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild und Werk, dein eigen,
Sind dein Traum. Geh am Tag durch Stadt und Gassen,
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles, was vor deinen Sinnen Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir drinnen,
Traum, den deine Seele schaukelt.
Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.
Zauberkräfte, längst vergeßne,
Spinnen heiligen Betrug,
Und die Welt, die unermeßne,
Lebt von deinem Atemzug.
Hermann Hesse
Wirklichkeit oder Illusion
Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling – ein Schmetterling, der glücklich und fröhlich umherflatterte. Er wußte nicht, daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich erwachte er und war ganz handgreiflich Zhou. Nun wußte er nicht, ob er Zhou war, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der gerade träumte, Zhou zu sein. Es muß aber einen Unterschied zwischen Zhou und dem Schmetterling geben...
Zhuangzi
So wie sich die Dinge, die wir im Traum sehen, beim Erwachen als unwirklich erweisen, so sind auch unsere Wahrnehmungen im Wachzustand unwirklich und nichts anderes als Schlußfolgerungen.
Swami Sri Yukteswar in "Heilige Wissenschaft"
Deine subjektive Welt und alles, was du glaubst zu sein, setzt sich aus einer gigantischen Menge von Vorstellungen, Konzepten und Mißverständnissen zusammen und vermittelt dir das Gefühl, etwas oder jemand zu sein.
Deine unzähligen Gedankenkonstruktionen sind Bewegungsabläufe im Bewußtsein, und die gaukeln dir vor, daß die wahrgenommene Welt objektiv wirklich existiere. Doch die Welt existiert lediglich als "Vor-stellung", als Spiegelung im Bewußtsein, als Trugbild von etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Die Buddhisten sagen, alles sei Maya, Illusion. Der Verstand hört Worte, Aussagen, die er kennt und scheinbar versteht, ist sich aber beim Hören und Verstehen nicht bewußt, daß er selbst Teil der Illusion ist.
Mario Mantese in "Das, was du wirklich bist"
Wie kann der Geist, der sich selbst die Welt geschaffen hat, sie als unwirklich abtun? Deshalb wird die Welt des Wachzustandes mit der Traumwelt verglichen. Beide sind bloße Schöpfungen deines Geistes, und solange Geist und Gemüt von einer der beiden in Anspruch genommen werden, können sie die Wirklichkeit der Traumwelt während des Traumes und die Wirklichkeit des Wachzustandes während des Wachens nicht leugnen. Wenn du jedoch deinen Geist vollständig von der Welt zurückziehst, ihn nach innen wendest und so verweilst, wenn du mit anderen Worten immer für das Selbst, die Substanz aller Erfahrungen wach bleibst, wirst du die Welt, die du jetzt allein wahrnimmst, als ebenso unwirklich erkennen, wie jene Welt, in der du in deinem Traum lebst.
Ramana Maharshi auf die Frage: Ist denn die Welt nicht mehr als ein Traum?