Wissen & Wahrheit
Wissen ist so viel von der Wahrheit, wie es einem Gemüt in einem verzerrenden Medium gelingt, davon zu begreifen. Weisheit ist, was das Auge der göttlichen Sichtweise im Geiste sieht. Inspiration ist ein schmaler, fließender Lichtschein, der von einem unermeßlich großen, ewigen Wissen zu uns herüberspringt. Sie übertrifft den Verstand noch vollkommener als der Verstand das Wissen der Sinne.
Spät lernte ich, daß Weisheit geboren wurde, als Verstand starb. Vor dieser Befreiung besaß ich nur Wissen. Der Verstand teilt, fixiert Einzelheiten und stellt sie gegenüber, die Weisheit vereint und vermählt Kontraste in einer einzigen Harmonie.
Meine Seele weiß, daß sie unsterblich ist. Aber ihr nehmt einen toten Körper auseinander und ruft triumphierend: Wo ist deine Seele, und wo ist deine Unsterblichkeit? Sie bewiesen mir mit überzeugenden Gründen, daß Gott nicht existierte, und ich glaubte ihnen. Später sah ich Gott, denn Er kam und umarmte mich. Und was soll ich nun glauben, den Argumentationen anderer oder meiner eigenen Erfahrung?
Sri Aurobindo
Das Licht der ewigen Wahrheit ist überall, in uns selber sowohl, als auch außerhalb unseres Körpers. Alles, was wir in der Natur sehen, ist eine Offenbarung der Wahrheit, aber solange wir die Wahrheit nicht in unserem eigenen Innern entdeckt haben, können wir sie auch in äußeren Dingen nicht erkennen. Solange wir selbst als wesenlose Schatten ohne innere Kraft im Schattenspiele dieser Welt eine Rolle spielen wollen und uns dabei für etwas Großes und Besonderes halten, solange bestehen wir selbst aus dem Dunkel, welches das Licht nicht erkennen kann. Erst wenn wir unsere eigene Persönlichkeit als ein Nichts erkannt haben, als eine Seifenblase, die eine Zeitlang in schillernden Farben glänzt und am Ende platzt, erst dann kann das Licht, welches allen Dingen ihre Farbe verleiht, in uns selbst und wir durch das Licht zur wahren Erkenntnis gelangen.
Franz Hartmann in „Theosophie und die theosophischen Lehren“
Du kannst vieles lernen und vieles wissen, nur das, was du wirklich bist, kannst du nicht lernen oder wissen.
Der denkende Verstand denkt über sich selbst nach, doch er bleibt in den Schranken der Zeit stecken. Er ist nicht gewahr, daß er selbst nichts anderes als eine relative Erscheinung im Bewußtsein ist. Ewiges läßt sich weder denken noch planen, noch wollen oder verstehen.
Das Denken spielt in deinem Leben nur deshalb eine so große Rolle, weil du nie über das Denken hinausgegangen bist und du Angst hast, ohne zu denken nicht funktionieren zu können.
Mario Mantese – Auszüge aus „Das, was du wirklich bist“
Wahrheit ist in uns selber; sie entsteht
Nicht aus dem äußern Schein.
Ein Zentrum ist im Innersten der Wesen,
Wo in Vollkommenheit die Wahrheit thront.
Erkennen ist vielmehr ein Wegeröffnen,
Um die verborg´ne Helle zu befrei´n,
Als einem Lichtstrom einen Weg zu bahnen,
Der, wie´s uns fälschlich dünkt, von außen kommt.
Browning
Wir suchen die Wahrheit in der Natur mit Hilfe des analytischen Verfahrens und der stufenweise fortschreitenden Methode der Naturwissenschaft, aber die Erkenntnis der Wahrheit in unserer Seele ist unmittelbar, sie geschieht durch Intuition. Wir können die höchste Seele nicht dadurch erreichen, daß wir ein Stückchen Erkenntnis an das andere reihen, auch wenn wir damit in alle Ewigkeit fortfahren wollten; denn Er ist ein Ganzes, nicht aus Teilen zusammengesetzt; wir können Ihn nur erkennen als das Herz unserer Herzen und die Seele unserer Seele; wir können Ihn nur erkennen in der Liebe und Freude, die wir fühlen, wenn wir unser Selbst aufgeben und Ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Das tiefste und aufrichtigste Gebet, das jemals aus einem menschlichen Herzen emporstieg, ist in unserer alten Sprache laut geworden: „Du Dich selbst Offenbarender, offenbare Dich in mir!“
Verstandeserkenntnis ist Stückwerk, denn unser Verstand ist ein Werkzeug, er ist nur ein Teil unseres ganzen Wesens, er kann uns über Dinge unterrichten, die man teilen und analysieren und deren Eigenschaften man Stück um Stück beschreiben kann. Aber Brahma ist vollkommen, und die Stückwerk-Erkenntnis kann Ihn nie erfassen.
Aber Er kann durch Freude, durch Liebe erkannt werden. Denn Freude ist Erkenntnis in Vollkommenheit, ist Erkenntnis durch die Ganzheit unseres Seins. Der Verstand trennt uns von dem Ding, das erkannt wird; die Liebe aber erkennt ihren Gegenstand durch Vereinigung mit ihm. Solche Erkenntnis ist unmittelbar und läßt keinen Zweifel zu. Sie ist so sicher wie unsere Selbsterkenntnis, nur noch tiefer.
Rabindranath Tagore - Auszüge aus „Sadhana – Der Weg zur Vollendung“
Je mehr Vielwisserei im Kopfe eines Menschen angehäuft ist, um so leerer ist in der Regel sein Herz. Da er selbst ein kompliziertes Wesen geworden ist, so sieht er in allem nur das Zusammengesetzte, bezweifelt alles, will alles zergliedern und zerstückeln und verliert die Fähigkeit, die Einheit, das Wesen zu erkennen, aus der die Vielheit der Erscheinungen im Weltall entspringt.
Franz Hartmann in „Autobiographische Schriften“
Der Verstand gleicht einem Spiegel. Wenn er reflektiert, sammelt er Staub. Er benötigt die sanften Brisen der Seelenweisheit, um den Staub der Illusion wegzuwischen. Suche, Anfänger, deinen Verstand und deine Seele harmonisch zu verbinden.
Wende dein Gesicht ab von den Täuschungen der Welt. Mißtraue deinen Sinnen, denn sie sind fehlerhaft. Suche jedoch im Innern deines Körpers - im Schrein deiner Empfindungen - im Unpersönlichen nach dem „ewigen Menschen", und wenn du ihn gefunden hast, dann schaue nach innen: Du bist Buddha.
Auszüge aus „Die Stimme der Stille“
Gott wohnt in einem Licht, das keiner kennen kann;
Sei du, du selbst dies Licht, und du erkennst ihn dann.
Johannes Scheffler (Angelus Silesius)